"Ohne traumasensible professionelle Unterstützung kommen die Kinder nicht aus der Situation heraus"

Die von Johanna Ruoff ins Leben gerufenen Mattisburgen sind Orte, an denen schwer traumatisierte Kinder einen Schutzraum finden, wo sie Ruhe, Zuwendung und Verständnis erhalten. Mit Hilfe von Sternstunden entsteht nun am Chiemsee das Therapeutische Internat "Sternstunden-Mattisburg". Es ist ein deutschlandweit einzigartiges Projekt, das Bildung und Therapie verzahnt. Im Interview erzählt Johanna Ruoff, Gründerin und Vorstand des Schutzhaus Mattisburg e.V., was die Kinder erlebt haben, die zu ihr kommen und welche Hilfe ihnen zuteil wird. 

Projekt Steckbrief

ProjektdurchführungSchutzhaus Mattisburg e.V.

Grindelhof 25
20146 Hamburg

Aktionsjahr2020
OrtOberbayern, Gstadt am Chiemsee
Fördersumme1.750.000,00 €
Toberaum Mattisburg
Die Räume werden hell und übersichtlich (© Foto: Schutzhaus Mattisburg e.V. )

Interview mit Johanna Ruoff, Gründerin und Vorstand Schutzhaus Mattisburg e.V.

Was haben die Kinder erlebt, die zu Ihnen kommen, und wie äußert sich das Erlebte in ihrem Verhalten? 

Die Kinder, die zu uns kommen, haben – oft in ihrer eigenen Familie - Vernachlässigung und körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt erlebt und sind aufgrund dieser Erlebnisse traumatisiert. Ihr Trauma bedingt, dass viele der Kinder in einer Art "Überregungsmodus" stecken geblieben sind, ohne ihre überwältigenden Gefühle gegenüber den Tätern jemals herauslassen zu können, da dies viel zu bedrohlich wäre. Schutz bei ihren Eltern suchen konnten sie auch nicht, da die Überwältigungen von diesen ausgingen oder die Eltern selbst massiv mit der Situation überfordert waren. Die Wut und Ohnmacht der Kinder gehen aber nicht einfach weg, sondern entladen sich dann, wenn sie zum Beispiel von einem anderen Kind "schräg" angeguckt werden. Andere Kinder sind durch ihr Trauma in einer Art "Schockstarre" oder einer Überanpassung an die Wünsche von Erwachsenen stecken geblieben und empfinden fast gar keine Gefühle, sind sehr zurückgezogen, fast lethargisch, oder über die Maßen hilfsbereit, ohne eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.

Ihre Traumata können Kinder sprachlich meist nicht gut ausdrücken, sie zeigen sie aber im Spiel, im Alltag, im Umgang mit anderen Kindern oder Erwachsenen. Sie können häufig nicht stillsitzen, sich in der Schule nicht konzentrieren, geraten dauernd in Streitereien, tun sich schwer Freunde zu finden. Viele von ihnen reagieren übermäßig aggressiv auf Reize von außen, zum Beispiel wenn eine Lehrkraft sie auf einen Fehler hinweist. Häufig kommt es zu Raufereien oder es gehen Möbel zu Bruch. In Einrichtungen werden sie - oft aufgrund ihrer geringen Möglichkeiten sich an Regeln zu halten und der massiven Aggressionen - zumeist als "Systemsprenger" wahrgenommen. 

Würfeln Mattisburg
Spielen hilft bei der Bewältigung der Traumata (© Foto: Schutzhaus Mattisburg e.V. )
Ohne traumasensible professionelle Unterstützung kommen die Kinder nicht aus der Situation heraus.
Johanna Ruoff, Gründerin und Vorstand Schutzhaus Mattisburg e.V.

Wie können Sie den schwer traumatisierten Kindern helfen?

Wir arbeiten bei Kindern, die übererregt oder erstarrt sind, zunächst mit Körperarbeit, um die Kinder zu unterstützen im "Hier und Jetzt" anzukommen, mit Spieltherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie und tiergestützter Therapie. Das alles sind Therapieformen, die zunächst auch ohne viele Worte auskommen, die die Kinder zu Beginn des Aufenthaltes oft noch gar nicht haben.

In den Alltag wird viel Erlebnispädagogik eingebaut, um den Kindern Selbstwirksamkeit und Freude zu vermitteln. Ein strukturierter Tagesablauf und verlässliche Ansprechpartner, insbesondere auch nachts, wenn die Albträume kommen, sind wichtig, um Sicherheit zu vermitteln.

Nach und nach wird dann in therapeutischen und alltäglichen Gesprächen das Erlebte "besprechbarer" und so auch mehr und mehr der Bearbeitung zugänglich. Parallel wird dann oft auch die Beschulung leichter, weil die Kinder weniger belastet sind und mehr Kapazitäten für das Lernen frei werden.

Ziel ist es, dass die Kinder nach ihrem Aufenthalt in einer normalen Schule zurechtkommen und in einen familienähnlichen Kontext zurück vermittelt werden können. Dass sie das therapeutische Internat nicht mehr brauchen, wenn man so will. Wenn Kinder in ihrer Herkunftsfamilie misshandelt wurden, können sie meist nicht in diese zurück, aber vielleicht in eine Pflegefamilie oder eine Einrichtung, die eher engere und langfristige Beziehungen ermöglicht.

Kinder auf der Terrasse Mattisburg
Auch die Räume vermitteln Sicherheit und Schutz (© Foto: Schutzhaus Mattisburg e.V. )

Ein regulärer Schulbesuch ist für die meisten dieser Kinder nicht möglich. Mit Unterstützung von Sternstunden entsteht am Chiemsee jetzt ein deutschlandweit einzigartiges Projekt, was ist das Besondere? 

Einige Kinder, die aufgrund ihrer erlebten Traumata Facheinrichtungen besuchen, tun sich schwer, örtliche Schulen zu besuchen. Der Wechsel der Bezugspersonen und des Ortes sind für sie überfordernd. Nicht selten können sie dem Unterricht nicht folgen, stören die Klasse und müssen schlussendlich immer wieder vom Unterricht abgeholt werden. Durch die geplante Verbindung mit der Außenstelle des Sonderpädagogischen Förderzentrums Prien, stellen wir in unserem therapeutischen Internat "Sternstunden-Mattisburg" sicher, dass eine traumasensible Beschulung unter demselben Dach und mit Unterstützung der gewohnten Betreuungskräfte aus der Wohngruppe gewährleistet ist. Die Kontinuität in der Betreuung gibt den Kindern Sicherheit. Wenn sie eine Auszeit benötigen, müssen sie nicht abgeholt werden, sondern können einfach mit ihrer gewohnten Fachkraft für einen Moment den Unterricht verlassen. Die Fachkräfte aus Schule, pädagogischem und therapeutischem Dienst der Einrichtung haben kurze Wege, arbeiten engmaschig zusammen, tauschen sich regelmäßig in gemeinsamen Teamsitzungen, oder auch kurzfristig zwischen "Tür und Angel" aus und können so das Wohl der Kinder bestens im Blick behalten.

Der Benediktushof in Gstadt am Chiemsee wird umgebaut (© Foto: Schutzhaus Mattisburg e.V.)

Wie hilft Sternstunden und was bewirkt die Hilfe?

Das therapeutische Internat "Sternstunden-Mattisburg" entsteht am Chiemsee in einem ehemaligen Schulheim der Schwestern der Abtei Frauenwörth und wird für unsere Zwecke umfassend saniert. Sternstunden ermöglicht durch die großzügige Zuwendung die Anpassung des Gebäudes, nicht nur an zeitgemäße energetische Anforderungen, sondern insbesondere auch an die speziellen Bedürfnisse von traumatisierten Kindern.

Die Räumlichkeiten werden dabei von Grund auf so geplant, dass sie Kindern mit Traumata Sicherheit und Schutz vermitteln. Sowohl das Raum- als auch das Farbkonzept stellen sicher, dass die Räume übersichtlich und hell wirken. Dunkle Ecken und Winkel, die ängstigen könnten, werden vermieden. Auch die Ausstattung des Gebäudes wird angepasst, die Möbel sind besonders bruchfest, das Spielmaterial robust, alle Gegenstände halten es aus, wenn Kinder ihre Wut an ihnen abreagieren und sind so konzipiert, dass sich die Kinder nicht an ihnen verletzen. 

Die traumasensible Gestaltung der Einrichtung, die durch Sternstunden ermöglicht wird, bietet den Kindern die Chance, ihre Erlebnisse zu verstehen, sie aufzuarbeiten und sie so nach und nach zur Geschichte werden zu lassen. Mit einer erfolgreichen Stabilisierung und Bearbeitung der erlebten Traumata wird zunächst ein Zurechtkommen in unserer Schule, aber auch ein späteres Zurechtkommen in der Regelschule und entsprechend ein Schulabschluss nach dem Aufenthalt in unserem Internat viel wahrscheinlicher.

Wir möchten mit der Unterstützung von Sternstunden durch unsere pädagogische und therapeutische Arbeit im Internat so vielen Kinder wie irgendwie möglich die Chance geben, nach dem Auszug bei uns in einer Pflegefamilie oder familienähnlichen Jugendhilfeeinrichtung weitere positive Bindungserfahrungen zu machen.

Johanna Ruoff
Johanna Ruoff (© Foto: Johanna Ruoff)

Der offizielle Spatenstich war für den 6. Dezember 2021 geplant, musste jedoch aus Pandemie-Gründen abgesagt werden. Hier die Videobotschaft von Schirmherrin Ilse Aigner